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Enseignement22.4.2026

Von Wien nach Haag: Die schweizerische Neutralität 1815–1907

Universität Bern
HS 2026
Übung
Sacha Zala

Der Wiener Kongress von 1815 markiert einen entscheidenden Einschnitt in der Geschichte der Schweiz und Europas. In der Neuordnung des Kontinents nach den Napoleonischen Kriegen wurde der Schweiz die immerwährende Neutralität von den europäischen Grossmächten garantiert. Diese Neutralität war zunächst weniger Ausdruck eigenständiger Aussenpolitik als vielmehr Bestandteil eines machtpolitischen Gleichgewichtssystems zur Sicherung der europäischen Stabilität. Die Schweiz fungierte dabei als strategischer Pufferraum zwischen den Grossmächten und war Objekt internationaler Ordnungspolitik. Zugleich stellte die garantierte Neutralität eine höchst pragmatische Lösung für die Schweiz dar: Sie diente der Sicherung der Unabhängigkeit eines schwachen Staates, dessen Bestand im Interesse der sich gegenseitig in Schach haltenden Grossmächte lag.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wandelte sich diese Ausgangslage. Mit der Gründung des Bundesstaates 1848 erhielt der Bund erstmals die institutionellen Voraussetzungen für eine kohärente(re) Aussenpolitik. Die Neutralität blieb dabei jedoch nachgeordnet und fungierte primär als Instrument zur Sicherung der staatlichen Unabhängigkeit. Parallel dazu gewann sie eine neue inhaltliche Dimension. Mit der Gründung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Genf und der Verabschiedung der Genfer Konvention von 1864 etablierte sich die Schweiz als Zentrum des entstehenden humanitären Völkerrechts. Dadurch konnte nun die Neutralität nicht nur als passive «Nichtbeteiligung», sondern auch als aktive Förderung humanitärer Normen und als Bereitstellung guter Dienste umgedeutet und positiv konnotiert werden. Ereignisse wie die Internierung der Bourbaki-Armee 1871 verdeutlichen diese Verbindung exemplarisch.

Gegen Ende des Jahrhunderts wurde die Neutralität zunehmend völkerrechtlich kodifiziert. Die Schweiz beteiligte sich aktiv – wenn auch mit gewissem Argwohn – an internationalen Debatten über Rechte und Pflichten neutraler Staaten. Mit den Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907 erreichte diese Entwicklung einen vorläufigen Höhepunkt.

Ziel des Kurses ist es, die Transformation der schweizerischen Neutralität zwischen 1815 und 1907 in ihren politischen, militärischen und rechtlichen Dimensionen zu analysieren. Auf der Grundlage ausgewählter Forschungsliteratur und zentraler Quellen werden die wichtigsten Etappen dieser Entwicklung untersucht und in den Kontext der europäischen Mächtepolitik eingeordnet. Ein besonderes Augenmerk gilt der historischen Kontextualisierung und kritischen Einordnung der Neutralität im langen 19. Jahrhundert: Die Veranstaltung fragt danach, inwiefern die damalige Praxis und das zeitgenössische Verständnis von späteren Deutungen abweichen und wie sie sich zu den im 20. Jahrhundert etablierten Vorstellungen einer schweizerischen Sonderstellung verhalten.

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